In China

Ich war dieser Tage in China. Wir bauen dort zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst ein neues Netzwerk namens ALUROUT auf. Wie die erste Silbe verrät, handelt es sich dabei um ein Alumni-Netzwerk – die zweite deutet das Fachgebiet an, unser Fachgebiet: Logistik und Supply Chain Management.

Hochschul-Absolventen beider Länder sollen und wollen sich im neuen Netzwerk zu logistischen Themen austauschen und gemeinsam Projekte bearbeiten. In beiden Ländern ist Logistik von großer Bedeutung; beide sind große Exportnationen.

Für viele in Deutschland ist die Förderung des Austauschs mit China eine ambivalente Angelegenheit. Wenn ich von der Arbeit am neuen Netzwerk erzähle, deutet mir der eine oder andere Gesprächspartner oder die politisch engagierte Kollegin manchmal an, dass die Zusammenarbeit mit einem autokratischen System doch arg unserer eigenen Sozialisierung widerspreche. Oft wird in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass zum Beispiel der Umgang mit persönlichen Daten dort ganz anders gehandhabt wird als bei uns. Der Besucher im Reich der Mitte kennt das aus eigener Anschauung.

Beim Verlassen vieler U-Bahn-Stationen beispielsweise wird der Fahrgast von einem kleinen Roboter am Ausgang aufgenommen. Und das unabhängig von der Nationalität. Und wenn Chinesen in den großen Städten bei Rot über die Ampel preschen, kann es ihnen passieren, dass postwendend ihr Konterfei am visuellen Pranger in Überlebensgröße auf der nächsten Gebäudefassade erscheint. Das wäre bei uns undenkbar. Doch offensichtliche Kulturunterschiede zum Anlass zu nehmen, keinen konstruktiven Austausch mit den Angehörigen einer anderen Kultur zu pflegen, erscheint mir persönlich als leicht unverhältnismäßig und auch einseitig: Im Disput über die kritischen Punkte in den Kulturen verlieren wir leicht die vielen positiven Seiten eines beiderseitigen Austauschs aus den Augen.

Im weiten Feld der technischen Logistik zum Beispiel, auf dem Deutschland noch immer weltweit Vorreiter ist, genauso wie bei der Informationslogistik und beim Logistikmanagement, haben wir in China einen Partner, der unsere logistischen Innovationen in ganz anderen Größenordnungen skalieren kann. Bei den Lieferdrohnen zum Beispiel sind wir hierzulande in den letzten Jahren nicht über öffentlichkeitswirksame Einzelbeispiele hinaus gekommen. In China dagegen schaltet man auch mal ganze Stadtviertel für den Drohnenflugbetrieb frei, um zu testen, ob und inwieweit die fliegenden Paketboten den Verkehr in den Straßenschluchten entlasten können. Man könnte fast sagen: China testet unsere (oder eigene) logistischen Innovationen im Large Scale-Feldversuch für uns aus.

Wenn es uns gelingt, stabile Brücken zwischen unseren Ländern zu bauen, können beide Seiten davon profitieren. Das sind die Chancen des Austauschs. Denn China ist inzwischen klar der führende Weltmarkt für viele Anwendungen und Produkte. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen: wir profitieren vom Austausch. Und man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass sich diese Entwicklung eher noch beschleunigen wird. Unabhängig vom aktuellen Stand der Handelsspannungen zwischen den USA und China – man darf und sollte die Chancen eines regen Austauschs nicht einfach ignorieren oder auf später verschieben.

Wir können daneben auch von China lernen. Nicht in der Entwicklung von Technologien – noch nicht. Aber auf dem Spannungsfeld zwischen Technologie-Affinität und -Aversion. In China sind Milliarden Menschen im Durchschnitt der Bevölkerung sehr viel technik-affiner als wir. Jede neue Technologie wird mit Verve aufgesogen und adaptiert.

Bargeld zum Beispiel gibt es in China so gut wie nicht mehr. Der ganze Zahlungsverkehr der Bürger und Konsumenten läuft über das Smartphone und entsprechende Apps von WeChat und Alipay: mit Klick und Wisch bezahlen. Wie schnell sich so etwas verbreiten kann!

Das liegt womöglich auch ein wenig daran, dass die chinesische Bevölkerung in weiten Teilen noch echten Nachholbedarf hat. Sie hat eine ganz andere Motivation und erwartet mit Nachdruck eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Im Vergleich dazu ist unser Bevölkerungsdurchschnitt gut versorgt, fast saturiert – anscheinend auch in technologischer Hinsicht.

Unter diesen Bedingungen wäre die am wenigsten kluge Art des beidseitigen Umgangs, sich gegenseitig die kalte Schulter des stillen Vorwurfs zu zeigen. Das wollen wir nicht. Deshalb gibt es solche Initiativen und Netzwerke wie ALUROUT – und nicht nur für Logistik und Supply Chain Management. Im Zeitalter der Globalisierung zu leben, bedeutet eben, dass wir die globalen Herausforderungen auch nur gemeinsam meistern können. Genau das wollen wir.

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